Das Wikingerbild des 21. Jahrhunderts und die Verantwortung der Museen
Dr. Matthias Toplak, der Leiter des Wikinger Museum Haithabu, berichtet im Interview, warum wir schon seit 1200 Jahren einen Wikinger-Mythos konstruieren. Heute sind „die“ Wikinger geprägt durch Serien wie Vikings populär wie nie. Warum das wissenschaftliche und das populäre Wikingerbild durchaus nebeneinander existieren können, welche Verantwortung archäologische Museen aber auch vor diesem Hintergrund haben, darüber spricht Dr. Matthias Toplak in diesem Interview.
Herr Dr. Toplak, Wikinger scheinen populär wie nie. Tausende Produkte zielen darauf ab, Serien wie Vikings erreichen ein Millionenpublikum. Sind die Menschen schon immer begeistert gewesen von den Wikingern?
„Die“ Wikinger faszinieren uns eigentlich schon seit ihrem ersten Auftreten auf der Weltbühne und schon mit den ersten schriftlichen Erwähnungen Ende des 8. Jh. – also bereits zu Beginn der Wikingerzeit – setzt eine Mythologisierung dieser Menschen ein, die bis heute fortwirkt. Wir haben also in den letzten 1.200 Jahren einen „Mythos Wikinger“ konstruiert, der teilweise wenig mit den historischen Fakten gemein hat. Jede Epoche – vom Mittelalter über die Nationalromantik des 19. Jh. und die NS-Zeit bis heute – hat sich ihr eigenes Wikingerbild konstruiert, immer den jeweiligen zeitgenössischen gesellschaftlichen Vorstellungen, Idealen, Wünschen und Bedürfnissen entsprechend. Und wenn wir uns das heute in den Medien und der Öffentlichkeit vorherrschende Wikingerbild anschauen, dann greift das teilweise wieder viele ältere Vorstellungen auf – z. B. den wilden und ungezähmten Abenteurer, der schon in der Nationalromantik vorherrschte – und fügt auch neue Elemente hinzu, wie bspw. die Figur der Schildmaid, weibliche Krieger, die weniger der historischen Realität entsprechen als vielmehr unseren heutigen Vorstellungen von Gleichberechtigung und fluiden Geschlechtsidentitäten.
Wenn Sie als Wissenschaftler und Leiter des Wikinger Museums Haithabu nach den Wikingern gefragt werden, wer waren die Wikinger denn wirklich?
Wenn wir heute von „den Wikingern“ sprechen, dann meinen wir damit die Menschen, die im skandinavischen Frühmittelalter, dem Zeitraum vom 8. bis zum 11. Jahrhundert, in Skandinavien lebten und sich von dort aus mit ihren Schiffen zu Raubüberfällen, Handelsfahrten und Entdeckungsreisen in nahezu die gesamte damalige Welt aufmachten. Sie haben sich allerdings selber nie als Wikinger bezeichnet. Der Begriff beschreibt eigentlich nur eine Tätigkeit, nämlich mit Schiff auf Raubzug zu gehen. So wie „Wikinger“ heute oftmals verwendet wird, nämlich als Selbstbezeichnung eines ethnisch einheitlichen Volkes der Wikinger, ist er streng genommen völlig falsch.
Welche Verantwortung haben archäologische Museen wie das WMH für den öffentlichen Umgang mit den Wikingern bzw. welchen Einfluss haben sie überhaupt noch in der heutigen digitalen Welt?
Als wissenschaftliches Museum haben wir gegenüber unseren Besucherinnen und Besuchern die Verantwortung, die Wikingerzeit ausgehend vom derzeitigen archäologischen Fachwissen korrekt darzustellen. Das bedeutet auch, dass wir so manchen lieb gewonnenen Mythos dekonstruieren müssen und nicht immer die Erwartungen der Besucherinnen und Besuchern bedienen können, wollen und dürfen. Gleichzeitig stehen wir in einer stetigen Konkurrenz zu der schier unüberschaubaren und stetig wachsenden Darstellung der Wikingerzeit in den Medien. „Die“ Wikinger sind inzwischen omnipräsent, sie sind zu einem wichtigen Teil unserer westlichen Popkultur geworden; in Werbung, Kunst und Medien wird ein an die jeweiligen Bedürfnisse angepasstes Wikingerbild verwendet, das mitunter sogar glaubwürdiger wirkt, als das Bild, das wir im Museum vermitteln. Denn dieses freie und nicht durch archäologische Funde und historisches Fachwissen limitierte Wikingerbild entspricht zum einen genau den Erwartungen der meisten Menschen an das, was ein Wikinger ihrer Meinung (und ihren Bedürfnissen) nach sein sollte, und zum anderen können die Medien – z. B. in Formaten wie Vikings – ein vollständiges und auf Hochglanz poliertes Bild der Wikingerzeit liefern, das auf alle Fragen eine Antwort zu liefern scheint. In einem wissenschaftlichen Museum müssen wir aber eben ganz oft auch offen und ehrlich sagen, dass wir aufgrund der nur begrenzten Quellen eigentlich über viele Aspekte des damaligen Lebens eben viel weniger oder mitunter auch gar nichts wissen. Und das ist verständlicherweise für viele Besucherinnen und Besucher oftmals schlicht enttäuschend.
Ist das ein Problem, dass Ihre Besucher*innen möglicherweise mit falschen Erwartungen ins Museum kommen?
Es ist sicherlich eine Herausforderung, vor allem aber eine Chance. Als archäologisches Museum können wir in Haithabu dieses Interesse an der Wikingerzeit aufgreifen und durchaus auch all die liebgewonnenen Mythen und Erwartungen als Ausgangspunkt nehmen, um unsere archäologische Sicht auf „die“ Wikinger zu zeigen. Wenn eine historische Epoche dermaßen im Rampenlicht steht wie die Wikingerzeit, dann ist es für uns als Wissenschaftler doch eine wunderbare Gelegenheit, unser Fachwissen und auch unsere Begeisterung zu teilen, dafür sollten wir dankbar sein. Und wenn die Geschichte der Wikingerrezeption eines zeigt, dann dass das wissenschaftliche Wikingerbild und das populäre Wikingerbild fast schon zwangsläufig nebeneinander existieren können und anscheinend auch müssen. Offensichtlich haben wir als westliche Gesellschaft ein großes Bedürfnis nach dieser wilden, archaischen Zeit voller Abenteuer, Ursprünglichkeit und Freiheit und damit hat für mich das populäre Wikingerbild durchaus seine Berechtigung. Es muss nur immer klar sein, dass dieses Wikingerbild in den Medien keinen Anspruch auf historische Korrektheit hat; das hat nur das Wikingerbild in Museen wie bei uns in Haithabu.
Leider gibt es aber auch Versuche von rechtsextremistischen Akteuren, das Museum für eigene Zwecke zu nutzen. Wir wirken Sie dem entgegen?
Generell können wir nicht beeinflussen, wie das Wikingerbild von rechtsextremen Akteuren genutzt, instrumentalisiert oder missbraucht wird. Für das Wikinger Museum Haithabu haben wir ein klares Regelwerk aufgestellt, dass für alle Besucherinnen und Besucher bindend ist und eine rechtsextreme Vereinnahmung des Museums verhindern soll. So untersagen wir per Museumsordnung bspw. das Zeigen von rechtsextrem konnotierten Zeichen, Symbolen, Szenecodes und auch Kleidungsmarken, also auch von Dingen, die strafrechtlich nicht verboten sind. Wir möchten dadurch verhindern, dass das Museum für rechtsextreme Propaganda missbraucht wird, bspw. indem sich Besucherinnen und Besucher mit rechtsextremen Symbolen im Museum oder in Haithabu fotografieren und die Fotos dann ins Internet stellen. Gleichzeitig beziehen wir auch regelmäßig in der Öffentlichkeit eine klare Stellung und versuchen dadurch auch offensiv zu kommunizieren, dass wir eine Vereinnahmung von Haithabu für rechtsextreme Propaganda nicht zulassen. Zum Glück sind Vorfälle dieser Art sehr selten und bislang haben alle Besucherinnen und Besucher spätestens nach einer freundlichen Ansprache die geltende Hausordnung akzeptiert. Ich blicke daher mit viel Vorfreude und ohne große Sorgen auf dieses neue Jahr.
Auf was dürfen sich die Gäste des WMH besonders freuen?
Wir nutzen den Winter, um uns auf eine intensive Saison 2026 vorzubereiten: Wir haben mit Sanierungsarbeiten bei den Wikinger Häusern begonnen und unser Museumsboot Erik zur Reparatur in die Werft des renommierten Vikingeskibsmuseet in Roskilde gebracht. Neben unseren drei großen Marktveranstaltungen – dem Frühjahrsmarkt über Ostern, dem Sommermarkt Mitte Juli und der Herbstmesse Ende Oktober – planen wir derzeit mehrere Themenwochenenden bei den Wikinger Häusern und natürlich wird es im Museum und bei den Wikinger Häusern wieder Führungen und Fachvorträge, Bastel- und Verkleidungsprojekte für Familien und jede Menge lebendige Vermittlung durch unsere „freiwilligen Wikinger“ geben.