Die Wikinger Häuser im Freigelände – ein archäologisches Langzeitexperiment
Im Winter ist eines der Gebäude kernsaniert worden. Ausbesserungen finden überall regelmäßig statt. Dr. Matthias Toplak spricht im Interview, was es mit den Häusern auf sich hat, warum und wie diese einst präzise nach archäologischen Baubefunden errichtet worden sind – und warum die Lebensdauer begrenzt ist, heute wie wohl auch im Mittelalter.
Herr Dr. Toplak, unser Museum liegt mitten im historischen Gelände. Viele unserer Gäste sind besonders von den rekonstruierten Wikinger Häusern fasziniert. Was hat es damit genau auf sich?
Die Wikinger Häuser Haithabu wurden in den Jahren von 2005-2008 im einstigen Zentrum der historischen Siedlung errichtet. Zum einen sollen sie als begehbare 1:1 Modelle die Wikingerzeit erlebbar machen: Die Wikinger Häuser greifen in ihrer Inneinrichtung thematische Aspekte der Ausstellung wieder auf und aus der Ausstellung bekannte Objekte sind hier als Repliken in der ursprünglichen Funktion und dem ursprünglichen Kontext im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“. Zudem bieten sie Raum für eine aktive und lebendige Auseinandersetzung mit Geschichte, in dem Freiwillige aus der internationalen Reenactment-Szene während der Saison den Alltag und das Handwerk des wikingerzeitlichen Haithabu unmittelbar erlebbar machen. Zum anderen waren die Wikinger Häuser auch als ein archäologisches Langzeitexperiment geplant, mit dem unter weitestgehend realistischen Bedingungen sowohl die Lebensbedingungen in wie auch die Haltbarkeit von wikingerzeitlichen Häusern untersucht werden sollten.
Woher stammt das Wissen für die Rekonstruktion?
Die Wikinger Häuser sind präzise nach den archäologischen Baubefunden in Haithabu wiedererrichtet worden. Die Grundlagen dafür bilden die großen Flächengrabungen in der Siedlung von Haithabu in den 1930er und den 1960er Jahren, bei denen enorme Mengen einzigartig gut erhaltener Bauhölzer ausgegraben wurden. Die Befunde ermöglichen nicht nur die Rekonstruktion einer frühmittelalterlichen Siedlungsstruktur, sondern auch eine teilweise nahezu vollständige Rekonstruktion der wikingerzeitlichen Architektur in Haithabu. In einem Fall war ein Haus mit Wänden aus lehmverstrichenen Flechtwänden – das sogenannte „Haithabu-Haus“, heute rekonstruiert als Haus 1 und Haus 7 – beinahe vollständig erhalten. Die Bewohner hatten in den 880er Jahren die tragenden Pfosten entfernt und die Flechtwände umgelegt. Aufgrund des feuchten Untergrundes haben sich die Wände des Hauses ausgezeichnet erhalten, so dass das Gebäude präzise rekonstruiert werden konnte, von der Raumaufteilung innen über die Wandhöhe von 2 Metern bis hin zur Dachneigung von 40°. Einzig die genaue Dachkonstruktion ist nicht bekannt und bei den Häusern 1 und 7 hypothetisch rekonstruiert.
Wie sind die Wikinger Häuser Haithabu gebaut?
Ebenso wie vor über 1.000 Jahren sind die Wikinger Häuser Haithabu ohne moderne Elemente gebaut. Die tragenden Pfosten sind in den Boden eingegraben, die Planken und Balken von Wänden und Dach sind verzapft und mit Holznägeln befestigt und das Dach aus Reet ist mit Tauen und Seilen aus Hanf an den Sparren festgebunden. Auch wurden die einzelnen Holzteile entsprechend wikingerzeitlicher Bautraditionen bearbeitet. Planken wurden nicht gesägt, sondern gespalten und anschließend behauen. Nur beim Bohren der Löcher kamen auch moderne Werkzeuge zum Einsatz. Bei einigen Häusern wurden zudem die im Boden eingegrabenen Pfostenfüße versuchshalber mit einem Holzschutzmittel getränkt, um später die Auswirkungen einer solchen Behandlung gegenüber unbehandelten Pfosten untersuchen zu können.
Wie sind die Erhaltungsbedingungen der Gebäude heute und wie waren sie in der Wikingerzeit?
Nach fast zwanzig Jahren Langzeitexperiment lässt sich festhalten, dass die Lebensdauer der Wikinger Häuser heute ebenso begrenzt ist, wie in der Wikingerzeit. Es ist davon auszugehen, dass die Häuser in der Wikingerzeit entweder in kurzen Abständen repariert bzw. saniert werden mussten oder nach 10–20 Jahren abgerissen und neu errichtet wurden. Auch die Wikinger Häuser haben nun nach fast zwei Jahrzehnten ihre maximale Lebensdauer erreicht. Viele der in den Boden eingetieften Pfosten sind schon stark verrottet und viele Balken und Sparren sind morsch und müssen ersetzt werden. Daher finden regelmäßig Begehungen mit Statikern, Architekten und Handwerkern statt, um die Stabilität der Häuser und die Sicherheit der Gäste zu gewähren und in den letzten Jahren sind an allen Häusern immer wieder kleinere Ausbesserungen vorgenommen worden. Nun wurde mit Haus 6 – dem Haus des Tuchhändlers – den Winter über ein Haus kernsaniert, mit der Hoffnung, dass es noch für einige Jahrzehnte Wissen und vor allem Begeisterung für die Wikingerzeit vermittelt.